In dem Moment, als das Licht der Laterne durch die alten Bretter drang, fühlte ich, wie mir das Blut in den Adern gefror. Unten, an den feuchten Wänden des Brunnens, zeichnete sich eine bläuliche Silhouette ab, wie ein Schatten, der sich langsam bewegte. Es schien ein Gesicht zu sein, ein Ausdruck des Leidens, mit leeren Augen, die mich anstarrten.
Die Frau schrie kurz und gedämpft, hielt sich die Hände vor den Mund. Ich blieb wie erstarrt. Ein Teil von mir wollte ins Haus fliehen, alle Fensterläden schließen, aber ein anderer hielt mich dort fest, mit dem Licht auf die Dunkelheit gerichtet.
Dann hörte ich aus der Tiefe ein gedämpftes Stöhnen, fast wie ein Seufzer. Die rostige Kette schwang leicht, als ob jemand sie berührt hätte. Ich machte einen Schritt zurück, aber dann sah ich meine Frau an, die zitterte, und ich verstand, dass ich etwas tun musste.
— Hol mir die Axt aus der Scheune, flüsterte ich.
Sie nickte und rannte weg. Ich blieb allein mit dem Brunnen. Im Dorf hatten die Alten immer erzählt, dass verlassene Orte ihre „Stimmen“ haben. Dass in alten Brunnen die Schatten der Verstorbenen versammelt sind und dass das Wasser, auch wenn es trocken ist, die Erinnerung bewahrt.
Die Frau kam schnell mit der Axt zurück. Ich hob die morsch gewordenen Bretter an, und in diesem Moment kam ein kalter Wind aus dem Brunnen, obwohl es draußen schwül war. Wir sahen uns erschrocken an.
— Das ist nicht normal, murmelte ich.
Das Licht der Laterne tanzte an den feuchten Wänden, und für einen Moment sah ich klar das Gesicht einer Frau. Eine junge Frau, mit langen, nassen Haaren, die an ihrem Gesicht klebten. Ihr Blick war voller Traurigkeit, nicht von Hass.
Meine Frau begann zu weinen.
— Es ist eine Seele, die dort gefangen ist… habe ich dir nicht gesagt, dass es eine Stimme war?
Ich dachte an die Worte meiner Mutter aus meiner Kindheit: „Wirf keine Steine in den Brunnen, denn du trübst den Frieden des Wassers und derjenigen, die davon getrunken haben.”
Ich schloss die Laterne für einen Moment und machte das Kreuzzeichen. In Rumänien, auf dem Land, machen die Menschen keine Witze mit solchen Dingen. Wo es Geheimnisse gibt, gibt es auch Respekt.
Ich holte eine Kerze von der Ikone aus dem Haus und zündete sie neben dem Brunnen an. Das kleine Feuer flackerte, schien aber die Kälte zu vertreiben, die uns umhüllte. Meine Frau murmelte ein Gebet, und ich fühlte, dass es der einzige Weg war, diesem Ort Frieden zu bringen.
Plötzlich hörte die Kette auf sich zu bewegen. Das Stöhnen verstummte. Und das Gesicht… ich sah es nicht mehr.
Ich setzte die Bretter wieder an ihren Platz und befestigte sie gut, damit niemand sie wieder öffnen konnte. Am nächsten Tag rief ich den Priester aus dem Dorf. Er kam mit dem Epitrachelion über der Schulter, schaute lange auf den Brunnen und sagte nur:
— Hier ist etwas Schlimmes passiert. Jemand ist nicht weitergegangen.
Er segnete den Ort, sprengte ihn mit geweihtem Wasser und las Gebete. Die Nachbarn, die gehört hatten, was passiert war, kamen ebenfalls. Einige kannten die Geschichte. Vor vielen Jahren war ein Mädchen aus dem Dorf verschwunden. Man sagte, sie sei in die Stadt geflohen, aber die Wahrheit wurde nie bekannt.
Wir verstanden dann, dass der Brunnen ihr Grab gewesen war. Und dass die Seele immer noch schrie, um gehört zu werden.
Nach dem Gottesdienst schien die Luft im Hof leichter. Das Lied der Grillen war wieder zu hören, und der warme Wind wehte durch das Laub.
Am Abend, als wir uns zum Essen setzten, sagte meine Frau leise:
— Es ist nicht nur ein Ferienhaus, es ist ein Haus, das uns gewählt hat. Hier müssen wir aufpassen, respektieren, was war, und in Frieden leben.
Ich nickte, wissend, dass sie recht hatte. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal ruhig, ohne Geräusche, ohne Schatten.
Aber in meiner Seele blieb eine Gewissheit: Manchmal, im tiefen Rumänien, verbergen Häuser und Erde Geschichten, die älter sind als wir. Und Brunnen, diese Tore zwischen Wasser und Himmel, sollten niemals auf die leichte Schulter genommen werden.
Dieser alte Brunnen war nicht mehr nur ein Ort im Hof. Er war eine Lektion, eine Erinnerung und eine Mahnung, dass, so sehr wir auch vor der Vergangenheit fliehen, sie immer einen Weg findet, gehört zu werden.
