Geschichten

Das Kind sagte: „Meine echte Mutter ist im Brunnen.”

Nach diesem Tag war das Haus nicht mehr dasselbe. Lidia schlief nachts nicht mehr. Sie stand aus dem Bett auf, ging zum Fenster und betrachtete den Hof, der im Licht des Mondes badete. Der alte Brunnen, mit Erde und Steinen zugeschüttet, schien jetzt ein dunkles Auge zu sein, das sie anstarrte.

In einer Nacht, gegen drei Uhr, ließ ein leises Geräusch aus Metall sie zusammenzucken. Sie ging langsam die Treppe hinunter, das Handylicht in der Hand. Ionuț stand in der Mitte des Wohnzimmers mit einer kleinen Spielschaufel in der Hand.

— Was machst du, Kleiner? — fragte sie mit leiser Stimme.

— Sie ruft mich, Mama. Sie sagt, dass ihr die Hände wehtun… und dass es dort unten kalt ist.

Lidias Herz zog sich zusammen. Sie nahm ihn in den Arm und brachte ihn zurück ins Bett, aber sie konnte bis zum Morgen kein Auge zu tun.

Am nächsten Tag, ohne Daniel etwas zu sagen, ging sie zum Rathaus. Sie bat um die alten Pläne des Hauses. Ein alter Mann, der dort seit Jahrzehnten arbeitete, hob die Augenbraue.

— Auf diesem Grundstück gab es einmal einen Hof. Eine Frau ist von dort verschwunden, aber man hat nichts gefunden. Ihr Mann ist sofort danach umgezogen.

Lidia spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzog.

Am Abend beobachtete sie Daniel, während er Bier vor dem Fernseher trank. Eine Frage brannte ihr auf den Lippen, aber sie hatte nicht den Mut, sie auszusprechen.

Einige Tage später begann ein schwerer Geruch nach nassem Erde aus dem Hof zu kommen. Der Hund bellte ununterbrochen in die Richtung, wo der Brunnen gewesen war. Daniel sagte, es sei nur eine tote Ratte. Aber Lidia glaubte ihm nicht mehr.

Eines Morgens, während er bei der Arbeit war, rief sie einen Nachbarn mit einem kleinen Bagger. Unter der Erdschicht, in weniger als zwei Metern Tiefe, fanden sie ein Stück blauen Stoff. Lidia fühlte, wie sie zusammenbrach.

Die Polizei kam sofort. Als Daniel nach Hause kam und die Autos vor dem Haus sah, versuchte er zu fliehen, aber es war zu spät.

Die DNA-Tests bestätigten alles. Die dort gefundene Frau war seine Frau Elena, die vor Jahren spurlos verschwunden war.

Ionuț wurde in ein Schutzzentrum gebracht, aber Lidia besuchte ihn jede Woche weiter.

Eines Tages malte der Junge eine Frau mit schwarzen Haaren und einem blauen Kleid, die neben einem Brunnen stand, und neben ihr — ein großes rotes Herz.

— Wer ist das? — fragte Lidia.

— Es ist Mama Elena, aber jetzt lächelt sie. Sie hat gesagt, dass sie frei ist.

Lidia spürte, wie die Tränen über ihre Wangen liefen. Sie kniete sich neben ihn und drückte ihn an die Brust.

Zum ersten Mal war das Haus still. Der Brunnen wurde für immer zugeschüttet, und an seiner Stelle pflanzten sie einen Kirschbaum. Im folgenden Frühling, als die weißen Blüten im Sonnenlicht aufblühten, fühlte Lidia, dass die Seele der Frau endlich Frieden gefunden hatte.

Dieses Werk ist inspiriert von realen Ereignissen und Personen, wurde jedoch zu kreativen Zwecken fiktionalisiert. Namen, Charaktere und Details wurden geändert, um die Privatsphäre zu schützen und die Erzählung zu verbessern. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, lebendig oder verstorben, oder mit realen Ereignissen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt vom Autor.

Der Autor und der Herausgeber übernehmen keine Verantwortung für die Genauigkeit der Ereignisse oder für die Art und Weise, wie die Charaktere dargestellt werden, und sind nicht verantwortlich für mögliche Fehlinterpretationen. Diese Geschichte wird „wie sie ist“ angeboten, und alle geäußerten Meinungen gehören den Charakteren und spiegeln nicht die Ansichten des Autors oder des Herausgebers wider.

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