Sabina beugte sich leicht und berührte seine Schulter.
— Willst du reinkommen? Es ist kalt. Und… im Haus ist alles so geblieben, wie es war.
Timur nickte, ohne ein Wort sagen zu können. Seine Schritte waren schwer, aber heilig. Jeder Zentimeter des Bodens erinnerte ihn an frühere Zeiten: der Geruch von Brot, das Gesicht seiner Mutter, der Stoff der Decke, die sie genäht hatte. In der Küche lag noch ein gehäkelter Tischläufer auf dem Tisch, und an der Wand hing das Ikon der Muttergottes, neben der seine Mutter jeden Abend die Kerze anzündete.
— Ich hatte kein Herz, etwas zu verändern, — murmelte Sabina. — Die Großmutter sagte, dass du eines Tages kommen würdest. Und dass du das Haus genau so finden musst, wie du es verlassen hast.
Timur setzte sich auf den Stuhl, auf dem einst sein Vater saß. Er streichelte ihn mit der Hand, wie eine lebendige Erinnerung.
— War sie böse auf mich?
— Nie. Nur… Sehnsucht. Viel Sehnsucht. Sie sprach in Gedanken mit dir. Sie legte dir bei den Gedenkfeiern etwas von der Koliva beiseite. Und immer, immer sagte sie dir „Herzlichen Glückwunsch” im Flüsterton, an jedem Geburtstag.
Timur fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. So viele Tränen, die er in sich gehalten hatte, wurden jetzt ohne Hemmungen frei. Er nahm den Kopf in die Hände und seufzte:
— Ich war ein Narr. Ein stolzer Dummkopf, der sein Leben in Geschäften vergraben hat. Er hat seine Wurzeln vergessen. Und jetzt… jetzt hat selbst die Vergebung niemanden, dem ich sie erbitten könnte.
Sabina trat näher und legte ihm einen alten Schlüssel in die Hand.
— Die Großmutter sagte, dass das Haus dir gehört, wenn du jemals kommst. Aber sie sagte mir auch, dass ich dir den Brief geben soll und dir dann deinen Lieblingsplatz zeigen soll.
Sie gingen in den Garten. Hinter dem Haus, zwischen alten Apfelbäumen, stand eine Bank. Dort saß seine Mutter jeden Abend und schaute den Sonnenuntergang an.
Timur setzte sich auf die Bank. Dort, in der Stille des Dorfes, mit dem sanften Wind, der seine Schläfen streichelte, fühlte er zum ersten Mal, dass er wieder zu Hause war.
Am nächsten Morgen, früh, ging er zur Kirche. Er zündete eine Kerze an und fiel auf die Knie, mit geschlossenen Augen, und sagte in Gedanken:
„Mama, ich bin gekommen. Vielleicht zu spät. Aber ich bin gekommen.”
Und vielleicht lächelte Rania irgendwo, jenseits der Zeit, endlich.
Dieses Werk ist inspiriert von realen Ereignissen und Personen, wurde jedoch zu kreativen Zwecken fiktionalisiert. Namen, Charaktere und Details wurden geändert, um die Privatsphäre zu schützen und die Erzählung zu verbessern. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder mit realen Ereignissen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt vom Autor.
Der Autor und der Herausgeber übernehmen keine Verantwortung für die Genauigkeit der Ereignisse oder für die Art und Weise, wie die Charaktere dargestellt werden, und sind nicht verantwortlich für mögliche Fehlinterpretationen. Diese Geschichte wird „wie sie ist” angeboten, und alle geäußerten Meinungen gehören den Charakteren und spiegeln nicht die Ansichten des Autors oder des Herausgebers wider.
