Am nächsten Tag, bevor die Sonne richtig aufgegangen war, hörte ich die Räder des Autos vor dem Tor anhalten. Ich trat in den Türrahmen und wischte mir die Hände an meiner Schürze ab. Aliona stieg langsam aus, den Kopf gesenkt, und hinter ihr… zwei Unbekannte. Eine Frau in einem beigen Mantel und ein grauhaariger Mann mit einer Aktentasche in der Hand.
— Mama… sie… sie sind meine leiblichen Eltern, — sagte Aliona, ohne den Blick zu heben.
Ich fühlte, wie mir die Beine wegknickten. Ich stützte mich am Türrahmen ab.
— Was… was redest du da, Mädchen? Du bist mein Kind!
Die Frau trat schüchtern vor.
— Frau Zinaida, ich weiß, dass es schwer ist. Wir… haben 25 Jahre nach ihr gesucht. Wir dachten, sie sei tot. Es war eine Tragödie… ein Fehler… uns wurde gesagt, dass der Zug sie getroffen hat. Aber erst letztes Jahr haben wir erfahren, dass das nicht wahr war. Wir haben einen Detektiv engagiert. So sind wir zu ihr gekommen.
Aliona zitterte. Die Tränen liefen still über ihr Gesicht.
— Ich habe nichts gewusst, Mama. Ich will dir nicht wehtun.
Ich trat näher zu ihr und hielt ihr Gesicht zwischen meinen Händen.
— Du bist mein Kind. Es ist nicht das Blut, das dich zum Kind macht, sondern die schlaflosen Nächte, die kleinen Hände, die sich um meinen Hals klammerten, die ersten Worte, das Fieber, die Träume und die Gute-Nacht-Geschichten. Ich bin deine Mutter.
— Ich weiß, — sagte sie und umarmte mich fest. — Du bist und wirst meine Mutter bleiben.
Ihre leiblichen Eltern schauten uns respektvoll an. Sie drängten nicht. Sie blieben eine Weile, erzählten uns von ihrem Leben, ihren Leiden, den unbeantworteten Fragen. Wir schauten uns an, drei Frauen, die durch verschiedene Fäden mit demselben Kind verbunden waren.
Nachdem sie gegangen waren, blieb Aliona den ganzen Tag still. Am Abend kam sie in die Küche, wo ich Tee zubereitete.
— Mama, ändere meinen Namen nicht. Ich gehe nirgendwohin. Aber ich würde sie gerne noch kennenlernen, wenn du einverstanden bist.
Ich nickte mit einem traurigen Lächeln.
— Ich habe ein gutes Mädchen großgezogen. Ein Mädchen, das nicht vergisst, was Liebe bedeutet.
Am nächsten Morgen ließ sie mir ein Foto von uns beiden auf dem Tisch, das am Tag der Abschlussfeier aufgenommen wurde. Auf der Rückseite stand in ihrer runden Schrift:
„Du hast mich nicht zufällig gefunden. Gott wusste, dass ich dich brauche.”
Und vielleicht ist es so. Gott ließ ein Kind im Schnee zurück, aber in meinem Herzen legte er für immer die Wärme einer echten Mutter.
Dieses Werk ist inspiriert von realen Ereignissen und Personen, wurde jedoch zu kreativen Zwecken fiktionalisiert. Namen, Charaktere und Details wurden geändert, um die Privatsphäre zu schützen und die Erzählung zu verbessern. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder mit realen Ereignissen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt vom Autor.
Der Autor und der Herausgeber übernehmen keine Verantwortung für die Genauigkeit der Ereignisse oder für die Art und Weise, wie die Charaktere dargestellt werden, und sind nicht verantwortlich für mögliche Fehlinterpretationen. Diese Geschichte wird „wie sie ist” angeboten, und alle geäußerten Meinungen gehören den Charakteren und spiegeln nicht die Ansichten des Autors oder des Herausgebers wider.
