Geschichten

Andreis Telefon lag mit dem Bildschirm nach unten. Marina streckte sich, um den Alarm auszuschalten

Dein Telefon klingelt ununterbrochen.

Er bewegte sich plötzlich, griff nach dem Telefon und sah auf den Bildschirm. Marina beobachtete im Spiegel des Schranks, wie sich sein Gesichtsausdruck änderte. Ein Moment der Panik. Ein schneller Blick zu ihr. Ein entspannter Lächeln.

— Ah, es ist… der Alarm vom Büro schon wieder. Violeta war im Dienst.

Violeta. Ihre Freundin seit fünfzehn Jahren. Die Patin ihres Sohnes. Diejenige, die gestern die Details des Jubiläums durcheinanderbrachte, obwohl sie sie schon hundertmal besprochen hatten.

— Ich verstehe, — Marina wandte sich zum Fenster. — Soll ich dir einen Kaffee machen?

— Bitte.

In der Küche startete die Kaffeemaschine und sie beobachtete den dünnen Strahl des Espressos. Sie hatte nur einen Gedanken: das kann nicht sein. Nicht Violeta. Nicht Andrei. Nur ein Zufall. Der Alarm. Natürlich, der Alarm.

Das Telefon vibrierte. SMS von Violeta: „Hallo! Wie ist die Stimmung vor dem großen Tag? Ich hole die Blumen um 12, wie wir es vereinbart haben.”

Marina tippte die Antwort: „Danke! Was war mit dem Alarm letzte Nacht?”

Drei Minuten. Violeta tippt. Löscht. Tippt erneut.

„Welcher Alarm?”

Der Kaffee lief über die Tasse.

Die Jubiläumsfeier der eigenen Firma — es ist wie eine Hochzeit, nur schlimmer. Bei einer Hochzeit sorgt man sich nur um sich selbst. Hier — um zweihundert Menschen, einschließlich Investoren aus Deutschland.

Marina überprüfte die Liste in ihrem Notizbuch. Ein Häkchen neben jedem Punkt, außer einem. „Das Video über die Firma — Andrei schneidet es.”

— Marina, ich habe mit den Floristen gesprochen, — Violeta kam ohne Klopfen ins Büro. Wie immer. — Die weißen Rosen ersetzen sie durch cremefarbene, sie hatten nicht genug. Ist das in Ordnung?

— Ist in Ordnung.

Marina sah ihre Freundin an. Neuer Lippenstift. Zu grell für das Büro. Und die Bluse… Marina erinnerte sich perfekt an diese Bluse. Violeta hatte sie letztes Jahr gekauft und gesagt: „Er wird sie mögen.” Nur dass Violeta keinen Mann hatte.

— Was ist los mit dir? — Violeta setzte sich auf die Kante des Schreibtisches. So nah, dass Marina ihren Duft spürte. Neuer, teurer Duft.

— Ich bin nur müde. Es sind nur noch drei Tage.

— Komm schon, sei nicht so! Du hast alles unter Kontrolle. Du bist ein Organisationstalent. — Violeta klopfte ihr leicht auf die Schulter. — Übrigens, ist Andrei fast mit dem Video fertig?

— Fast.

— Du hast einen wunderbaren Mann. So einen wie ihn könnte ich auch gebrauchen.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Magen. Marina lächelte:

— Violeta, kannst du zur Bank gehen? Um Geld für die Trinkgelder für die Kellner zu holen.

— Klar! Wie viel?

— Dreißigtausend. Du kennst die PIN.

Violeta nickte und ging lächelnd hinaus. Marina wartete fünf Minuten und wählte eine Nummer.

— Sicherheitsdienst der Bank? Ich möchte die Karte vorübergehend sperren. Ja, Verdacht auf Betrug.

Der Detektiv war nicht wie im Film. Ohne Mantel oder Hut. Ein normaler Typ in Jeans, sah mehr wie ein ITler aus.

— Zwei Tage für alles, — sagte er, während er sich die Fotos auf ihrem Telefon ansah. — Honorar — fünfzigtausend. Die Hälfte jetzt.

— Und wenn Sie es nicht schaffen?

— Ich schaffe es. Ich habe am Samstag ein Team-Building, ich habe keine Zeit zu trödeln.

Marina gab ihm das Geld. Die neuen Scheine raschelten, ebenso wie ihre Zukunftspläne.

— Und noch etwas, — sagte der Detektiv, während er das Geld in seinen Rucksack steckte. — Sind Sie sicher, dass Sie es wissen wollen?

— Ja.

— Manchmal glauben die Leute, sie wollen es. Dann bereuen sie es.

— Ich gehöre nicht zu ihnen.

Er nickte:

— Gut. Morgen Abend schicke ich den ersten Teil.

Marina verließ das Café. Auf dem Parkplatz stand Violetas Auto. Leer. Marina ging daran vorbei und sah auf der Rückbank einen Herrenanzug. Grau mit Streifen. Andrei hatte genau so einen.

Oder es war vielleicht sogar Andreis.

— Mama, du bist ein bisschen seltsam, — sagte Costel, während er mit der Gabel in seinem Essen stochert. — Es ist wieder unangenehm.

— Iss, was dir gegeben wird.

— Papa, sag ihr etwas!

Andrei hob den Blick von seinem Telefon:

— Marina, du hast wirklich zu viel Salz hineingetan.

— Entschuldigung. Ich war mit meinen Gedanken woanders.

— Zum Jubiläum? — legte er das Telefon beiseite. Mit dem Bildschirm nach unten. Wie am Morgen. — Schau, morgen bleibe ich bis spät. Ich beende das Video, ich möchte, dass es wow wird.

— Wirst du es mit Violeta beenden?

Stille. Costel hörte auf zu kauen. Andrei blinzelte:

— Was hat Violeta damit zu tun?

— Sie hilft dir bei der Organisation. Vielleicht hilft sie dir auch mit dem Video.

— Ach, nein. Ich komme alleine klar. — Er nahm wieder das Telefon. — Costel, iss zu Ende und mach deine Hausaufgaben.

Marina spülte das Geschirr. Ein Teller. Noch ein Teller. Gabel. Messer. Kann man mit einem Messer nicht nur Fleisch, sondern auch Schicksal schneiden? Dumme Gedanken.

Das Telefon piepte. SMS vom Detektiv: „Morgen um 15:00 Uhr, das Café in der Sădovei-Straße.”

Aus Costels Zimmer hörte man ihn flüstern — er lernte ein Gedicht. Über den Herbst. Darüber, wie alles stirbt. Marina wischte sich die Hände ab und ging, um ihm zu helfen. Eine normale Mutter, an einem normalen Abend.

— Die Bank hat gesagt, dass jemand versucht hat, Geld von der gesperrten Karte abzuheben, — Marina rührte den Zucker in den Kaffee. Langsam. Ruhig.

Violeta spannte sich an:

— Ach, ich… glaube, ich habe den Code falsch eingegeben. Du weißt ja, dass ich Probleme mit Zahlen habe.

— Ich weiß. Genau deshalb hat es mich gewundert. Den Code weißt du auswendig.

— Ich war gestresst wegen des Jubiläums.

— Ich verstehe.

Marina nahm einen Schluck Kaffee. Violeta wühlte unruhig auf dem Stuhl. Dann stand sie plötzlich auf:

— Ich muss los. Die Blumen!

— Klar. Lauf.

Nachdem die Tür zugefallen war, nahm Marina das Telefon. Sie öffnete Violetas Instagram. Das letzte Foto — vor zwei Stunden. Ein Selfie aus dem Auto. Beschreibung: „Ich bereite mich auf einen wichtigen Tag vor.” Im Rückspiegel war eine Männerhand am Lenkrad zu sehen. Eine Uhr am Handgelenk. Eine Schweizer Uhr, die Marina Andrei zu Silvester geschenkt hatte.

Das Café in der Sădovei-Straße war fast leer. Der Detektiv trank einen Americano und blätterte durch ein Tablet.

— Setzen Sie sich. Beginnen wir mit den schlechten Nachrichten oder den guten?

— Lassen Sie uns mit den schlechten Nachrichten beginnen, — sagte Marina, während sie sich setzte. — Ich möchte alles wissen.

Der Detektiv nickte, wischte einige Bilder auf dem Tablet und zeigte ihr eines. Es war ein Foto, das letzte Nacht in einem Parkhaus gemacht wurde. Andrei. Violeta. Sie küssten sich. Nicht hastig. Nicht aus Versehen. Lange, tief, mit den Händen ineinander verschlungen wie zwei Drähte, die schmelzen.

Marina fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Aber sie weinte nicht. Sie blinzelte nur.

— Nächste, — sagte sie kurz.

— Das ist von heute Morgen, — fuhr der Detektiv fort. — Sie gingen zusammen in eine Mietwohnung hinter der Industriehalle in der Calea Fabricii. Er hatte einen Rucksack mit dem Etikett deiner Firma. Sie hielt eine Tüte mit Essen.

— Haben sie lange geblieben?

— Zwei Stunden. Sie kamen lachend heraus. Stiegen in dasselbe Auto. In seins.

— Und er hat mir gesagt, dass er am Video arbeitet…

— Jetzt die gute Nachricht, — sagte der Detektiv und zog einen USB-Stick heraus. — Hier ist alles. Fotos, Videos, sogar eine Audioaufnahme. Wenn du ihn zerstören willst, hast du alles, was du brauchst.

Marina nahm ihn. Der Stick war klein, schwarz, kalt. Wie die Wahrheit.

— Ich will ihn zerstören, aber nicht so, — sagte sie ruhig. — Ich werde es auf der Feier tun. Vor allen.

Der Detektiv lächelte kurz:

— Madame, das wird eine Show.


Drei Tage später.

Die Feier war in vollem Gange. Lichter, Applaus, Toasts. Marina ging mit kalter Eleganz auf die Bühne, im Applaus. Perfekt gebundenes Haar, ein weißes Kleid wie eine Kriegserklärung.

— Liebe Kollegen, — sagte sie, — bevor wir den Jubiläumsfilm beginnen, möchte ich euch etwas Besonderes zeigen. Ein Überraschungsvideo, das von meinem Mann geschnitten wurde. Mit Hilfe meiner besten Freundin.

Es wurde still.

Sie drückte auf Play.

Auf dem Bildschirm erschienen Andrei und Violeta. Zuerst lachend. Dann sich küssend. Dann in die Wohnung gehend. Eine Aufnahme von Violeta, die flüsterte: „Ich kann es kaum erwarten, dass er nach Deutschland geht, damit wir nur wir sind.”

Die nächsten Minuten waren stumm. Die Gesichter der Gäste sprachen anstelle des Tons.

Als der Bildschirm erlosch, hob Marina das Mikrofon:

— Jetzt lasst uns anstoßen. Auf den Mut. Und auf einen Neuanfang.

Dann drehte sie sich um, nahm ihren Sohn an die Hand und verließ den Raum. Unter den Blicken aller. Auch von Andrei, der nichts mehr zu sagen hatte.

Dieses Werk ist inspiriert von realen Ereignissen und Personen, wurde jedoch zu kreativen Zwecken fiktionalisiert. Namen, Charaktere und Details wurden geändert, um die Privatsphäre zu schützen und die Erzählung zu verbessern. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen oder mit realen Ereignissen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt vom Autor.

Der Autor und der Herausgeber übernehmen keine Verantwortung für die Genauigkeit der Ereignisse oder für die Art und Weise, wie die Charaktere dargestellt werden, und sind nicht verantwortlich für mögliche Fehlinterpretationen. Diese Geschichte wird „wie sie ist” angeboten, und alle geäußerten Meinungen gehören den Charakteren und spiegeln nicht die Ansichten des Autors oder des Herausgebers wider.

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